Sauberes Trinkwasser

Leuthards ehemaliger Chefbeamter wechselt die Seiten

Eine Gruppe von Privatpersonen will das Trinkwasser besser schützen. Ihre Volksinitiative erhält nun Support: von Daniel Hartmann, bis 2014 oberster Grundwasserschützer des Bundes.

Daniel Hartmann bezeichnet die Trinkwasser-Initiative als «einmalige Chance», das Grundwasser in der Schweiz nachhaltig zu schützen. Bild: zvg
Daniel Hartmann bezeichnet die Trinkwasser-Initiative als «einmalige Chance», das Grundwasser in der Schweiz nachhaltig zu schützen. Bild: zvg

Bis 2014 ist Umweltministerin Doris Leuthard seine oberste Chefin gewesen, sie kennen sich persönlich, zuletzt, vor drei Jahren, ist er mit ihr nach Saudiarabien an ein Treffen mit hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft und Politik gereist. Doch nun wird Leuthard so gut wie sicher zu seiner politischen Gegnerin. Daniel Hartmann, ehemals Leiter der Sektion Grundwasserschutz des Bundesamts für Umwelt (Bafu), unterstützt ein Ansinnen, das vielen als radikal gilt: die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung».

Die Initiative, die eine Gruppe von Privatpersonen lanciert hat, zielt auf einen Paradigmenwechsel in der Schweizer Landwirtschaft ab. Künftig sollen nur noch jene Bauern Direktzahlungen oder Subventionen erhalten, die keine Pestizide einsetzen, ihre Tiere nicht prophylaktisch mit Antibiotika behandeln und auf dem Hof nur so viele Tiere halten, wie sie ohne Futtermittelimporte ernähren können.

 

 

Am Wochenende ist Hartmann in seinem Wohnmobil am oberen Zürichsee unterwegs gewesen und hat die Menschen auf der Strasse vom Anliegen zu überzeugen versucht. Vor 30 Jahren habe die Bevölkerung so gut wie nichts über Grundwasserschutz gewusst, sagt Hartmann. «Mittlerweile ist das anders. Die Bevölkerung ist sich bewusst, dass sauberes Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit ist.»

Dass die Schweizer Trinkwasserressourcen unter Druck stehen, ist unbestritten. Keine Einigkeit besteht dagegen in der Frage, wie dieses Problem am besten zu lösen sei. In der Bevölkerung jedenfalls scheint der Weg, den die Initiative vorgibt, gut anzukommen. Ein Jahr vor Ablauf der Sammelfrist sind bereits gegen 80'000 der nötigen 100'000 Unterschriften beisammen. Die Initiative dürfte also zustande kommen – und damit Doris Leuthard und mit ihr den Gesamtbundesrat beschäftigen. Alles andere als ein dezidiertes Nein der Regierung zur Initiative wäre eine Überraschung.

25 Jahre Arbeit als Bundesexperte

Für die Initianten kommt Hartmanns Engagement einem Glücksfall gleich. Der 65-jährige Geologe aus Kerzers im Kanton Freiburg weiss so gut wie kaum ein anderer über die Verschmutzungsgefahren im Grundwasser Bescheid. Während 25 Jahren hat Hartmann beim Bafu gearbeitet, von Beginn weg hat er sich dort für den Aufbau und später die Leitung jener Sektion engagiert, die sich um den Grundwasserschutz kümmert.

Nach Hartmanns Pensionierung löste das Bafu im Zuge einer internen Restrukturierung die Sektion «Grundwasserschutz» auf und integrierte diese in eine neue Sektion mit dem Namen «Gewässerschutz»; dabei strich es zwei Stellen. Das Bafu versichert, der interne Stellenwert des Grundwasserschutzes habe darunter nicht gelitten. Es sei im Gegenteil zu einer Aufwertung gekommen. Hartmann bezweifelt dies. Und er lässt durchblicken, dass er nicht ganz im Frieden vom Bafu gegangen ist; weiter dazu äussern möchte er sich öffentlich nicht.

Sicher ist dagegen: Hartmann verliess das Amt, ohne sein Lebensziel erreicht zu haben. Vergeblich hatte er versucht, sicherzustellen, dass in direkter Nähe von Trinkwasserfassungen keine giftigen Stoffe mehr ausgebracht werden dürfen. Zwar bestünden die entsprechenden Gesetze zum Schutz des Grundwassers, doch hapere es mit dem Vollzug, sagt er. Die Initiative bezeichnet Hartmann vor diesem Hintergrund als «einmalige Chance», das Grundwasser in der Schweiz nachhaltig zu schützen.

Kritik am Bund

Hartmann geht es dabei vor allem um die künftige Entwicklung. Heute ist die Qualität des Trinkwassers nicht vermindert, wie der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW) festhält. Gegen 80 Prozent des Trinkwassers lassen sich laut Hartmann natürlich und ohne oder nur mit einfacher Aufbereitung aus Grundwasser gewinnen. Doch was, wenn die Belastung mit giftigen Stoffen in Zukunft zunimmt? «Das Grundwasser hat ein extrem langes Gedächtnis», sagt Hartmann. Sei es erst einmal verschmutzt, lasse es sich nur mit sehr viel Aufwand wieder reinigen, falls überhaupt.

 

«Der Bund nimmt den Gewässerschutz zwar ernst, agiert aber nur mit angezogener Handbremse.»Daniel Hartmann

 

Nach Hartmanns Dafürhalten zeigt sich das nicht zuletzt beim Aktionsplan Pflanzenschutzmittel, den der Bundesrat letzte Woche verabschiedet hat. Dieser sei zu wenig ehrgeizig und griffig. Der Bundesrat will mit dem Aktionsplan die Risiken von Herbiziden und Fungiziden halbieren und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz fördern. Konkret soll in den nächsten zehn Jahren die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit besonderem Risikopotenzial um 30 Prozent reduziert werden.

Initiative als Druckmittel

Mit seiner Kritik steht Hartmann nicht alleine da. Bedenken bestehen auch im Parlament, wo sich ein heftiger Kampf abzeichnet. Im linken Lager geniesst die Initiative Support. Die SVP dagegen dürfte dem Schweizerischen Bauernverband folgen und das Ansinnen ablehnen, ebenso die FDP.

 


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Entscheidend dürfte sein, wie sich die Mitteparteien positionieren. Dort, namentlich bei den Grünliberalen, hofft man derzeit auf einen möglichst schlagkräftigen Aktionsplan. Fraktionschefin Tiana Moser macht aber klar: «Wenn keine Bereitschaft besteht, die notwendigen Mittel für den Aktionsplan zur Verfügung zu stellen, und griffige Massnahmen in die weite Zukunft verschoben werden, sehe ich keine andere Alternative als die Unterstützung der Volksinitiative.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 15:09 Uhr